Wie Eltern Mediensucht vorbeugen und erkennen können

Um Medienkompetenz zu vermitteln, müssen Kinder einen sinnvollen Umgang damit erlernen. Es ist wie beim Fahrradfahren: Nur wer viel übt, wird irgendwann auch sicher. Doch was kann ich tun, wenn ich den richtigen Zeitpunkt verpasst habe und sich das Kind eigenständig Zugang zu Medien verschafft hat? Oder, wenn die Bemühungen einen bewussten Medienkonsum zu vermitteln fehlgeschlagen sind?

Gefahr der Mediensucht nimmt zu

Viele Eltern lassen Kinder gar nicht oder kaum mit Medien in Berührung kommen. Doch zu wenig ist genauso gefährlich wie zu viel. Die Gefahr einer Mediensucht ist groß. Je tiefer die Kinder in das Versuchsfeld „Medien“ einsteigen, desto größer werden die Gefahren der verlockenden Angebote beim Surfen und Spielen. Laut Studie des Deutschen Zentrums für Suchtfragen und der DAK (2017) sind bereits rund 8,4 Prozent der männlichen Mediennutzer zwischen 12 bis 25 Jahren suchtgefährdet, da sie verschiedene Kriterien der Abhängigkeit nach der „Internet Gaming Disorder Scale“ erfüllen. Bei den Mädchen sind „nur“ knapp 3 Prozent gefährdet. Jedoch vernachlässigen schon knapp die Hälfte der Befragten ihre Freunde oder Aktivitäten, um mehr Zeit vor dem Bildschirm verbringen zu können. Die Signale sind alarmierend! Was können Eltern tun, um einer Mediensucht vorzubeugen? Und wie viel Medienzeit ist richtig? Ich habe da mal ein paar Tipps zusammengetragen.

Zunächst muss bestimmt werden, wie viel Mediennutzung sinnvoll ist. Da gehen die Meinungen zwischen Kindern und Eltern oft auseinander. Je älter sie werden, desto diskussionsfreudigerbereiter sind sie. Das kennen wir auch von unserer Tochter. Generell verbieten wir die Mediennutzung zwar nicht, in nicht angemessenen Situationen (Abendessen) jedoch legen wir dann doch ein Veto ein.  Wenn die Kinder noch jung sind, ist es natürlich leichter zu kontrollieren, wann welches Medium genutzt wird. Mit steigendem Alter werden ihre Möglichkeiten – auch heimlich – Medien zu konsumieren aber stetig wachsen. Das sollten sich Eltern immer vor Augen halten. Verbote nutzen nicht viel. Gemeinsam erarbeitete Gebote aber vielleicht schon.

Richtlinien der Mediennutzung

Generell sind die Richtlinien recht streng: Kinder unter 5 Jahren sollten am Tag maximal eine halbe Stunde an den Bildschirm. Bei uns ist es aber beispielsweise so, dass unsere Tochter unter der Woche kaum am Bildschirm hängt. Dafür veranstalten wir Sonntags oft einen „Filmtag“, bei dem wir einen Disney-Film ansehen oder sogar ins Kino gehen. Jede Familie sollte das für sich ausmachen – aber darauf achten, dass die Gesamtzeit vor dem Bildschirm in der Woche nicht Überhand nimmt.

Kindern von 6 bis 9 Jahren kann schon eine Stunde am Tag eingeräumt werden. Bei Kindern ab 10 Jahren kann eine wöchentliche Zeit von 9 Stunden vereinbart werden. Ab diesem Alter muss dann ohnehin stetig neu verhandelt werden, weil das Interesse stetig steigen wird. Die Faustregel: 1 Stunde Bildschirmzeit pro Lebensjahr.

Je nach Quelle variieren die Empfehlungen ein wenig. Das Jugendamt Nürnberg untersagt Kindern unter 3 Jahren generell digitale Medien. Auch hier liegt es an den Eltern festzulegen, ab welchem Alter digitale Medien generell genutzt werden dürfen.

Pausen sind wichtig

Zugegeben, ab einem gewissen Alter – vor allem dann, wenn Kinder und Jugendliche Mobile Devices besitzen – ist es unmöglich die Faustregel zu kontrollieren. Allerdings kann darauf geachtet werden, dass das Zwischenmenschliche nicht zu kurz kommt. Beispielsweise hat das Smartphone beim gemeinsamen Essen nichts verloren. Erst kürzlich habe ich im Familienhotel (Klein)Kinder beobachtet, die am Esstisch mit dem Tablet abgelenkt wurden, damit sie still sitzen bleiben. Das muss wirklich nicht sein. Auch kurz vor dem Zubettgehen oder bei Familienbesuchen sollte man Handy und Co. verbannen und sich mediale Freiräume gönnen.

Im Beitrag über Medienpausen habe ich bereits erzählt, wie wir das für unsere Familie lösen und in welchen Situationen Medien nicht genutzt werden dürfen. Auch hier gilt, dass jede Familie eigene Ansprüche hat, die auf jeden Fall zum Tragen kommen sollten. Medien als Ersatz für gemeinsame Familienaktivitäten sollte man sich aber dennoch gründlich überlegen. Es ist wichtig, den Kindern zu vermittel, dass die zwischenmenschliche Kommunikation „in echt“ ebenso wichtig (wenn nicht gar wichtiger) und notwendig ist, wie digitale Freunde und Gespräche.

Wie kann Mediennutzung gebremst werden?

In erster Linie müssen natürlich genug Alternativen gestellt werden. Besonders, wenn Kinder aus Langeweile zum TV oder Smartphone greifen, ist die Gefahr groß, dass sich eine Sucht entwickelt. Helfen können gemeinsame Ausflüge, Spieleabende, Gespräche – alles, was die Kommunikation stärkt und das Kind aktiv einbindet. Es kann auch helfen die Kinder einfach zu ermutigen, sich mit Freunden zu treffen.

Auch hierbei ist es wichtig, keine Verbote aufzuerlegen. Das schürt die Lust nach den Medien im schlimmsten Fall umso mehr und Eltern verlieren vollständig die Kontrolle. Besser ist es, mit dem Kind zu sprechen und die Bedenken zu formulieren. Womöglich lassen sich im Gespräch bestimmte Grenzen festlegen, um den Konsum einzuschränken.

Mediensucht rechtzeitig erkennen

Ab wann sprechen Experten nun eigentlich von einer Sucht? Nun, ganz klar, wenn man sein alltägliches Leben nicht mehr wie gewöhnlich führt und den Medien einen höheren Stellenwert einräumt. Das heißt konkret, wenn beispielsweise Noten in der Schule schlechter werden, wenn sich die Kinder nicht mehr oder seltener mit Freunden treffen möchten und sich generell aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Natürlich gibt es auch Kinder, die einfach generell weniger Kontakt zu Menschen haben. Als Eltern sollte man sein Kind am besten kennen und Einschätzungen dazu treffen können, ob das Verhalten ungewöhnlich oder normal ist. Ein paar auffällige Merkmale gebe ich beunruhigten Eltern aber dennoch mit. Wenn drei oder mehr Merkmale zutreffen, wird es Zeit für ein Gespräch. Wer das nicht allein stemmen kann, findet am Ende dieses Beitrags noch Links zu Beratungsstellen:

  • Das Kind reagiert gereizt, wenn der Zugang zu Computer, Internet etc. nicht möglich ist
  • Das Kind kapselt sich ab und verbringt weniger Zeit mit Freunden und Familie
  • Das Kind vernachlässigt seine Hobbies
  • Das Kind hat das Gefühl, die soziale Unterstützung von Familie/Umfeld fehle
  • Die Noten in der Schule werden schlechter
  • Das Kind möchte auf gemeinsame Mahlzeiten verzichten oder isst lieber direkt am Computer
  • Negative Emotionen werden durch Computerspiele verarbeitet
  • Hang zur Prokrastination
  • Starke Gewichtsschwankungen und Anzeichen von Übermüdung
  • Gestörtes Selbstwertgefühl

Wer unsicher ist, kann auch gern versuchen das Kind von einem Selbsttest zu überzeugen. Kindgerechte Webseiten wie Ins-Netz-gehen bieten schnelle und einfache Tests an, die eine erste Einschätzung geben können. Falls die Gefahr zur Sucht besteht, sollten sich Eltern dringend an Beratungsstellen wenden.

Beratungsstellen finden Eltern hier:

www.starke-eltern.de

www.dw-kassel.de

www.internetsucht-hilfe.de

www.aktiv-gegen-mediensucht.de

 

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Von | 2017-04-28T14:29:01+00:00 Mai 2nd, 2017|Blog, Medienkompetenz|0 Kommentare

Über den Autor:

Yasmin Neese hat die Webagentur der result gmbh – Institut für digitalen Wandel seit 2015 unterstützt. Aktuell befindet sie sich in Elternzeit. Privat kennt man Sie unter dem Namen „Die Rabenmutti“. Hier schreibt Sie im gleichnamigen Blog zu den Themen Familie, Literatur, Rezepte, Produkte & Co.

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