Der netzofant trifft auf das Digilern-Blog

Immer wieder stoßen wir bei unseren Recherchen auf tolle Initiativen, die sich ähnliche Ziele auf die Fahnen geschrieben haben, wie der netzofant. Das Digilern-Blog ist eines dieser Projekte. Ins Leben gerufen wurde das Blog von Lutz Berger und Martin Lindner, den Blog-Redakteuren von Wissmuth in Zusammenarbeit mit Maria Erich und Achim Lebert, den Organisatoren der Digilern-Konferenz, die vom 8. bis zum 10. März in Ottobrunn bei München stattfand. Ziel des Blogs soll es sein, SchülerInnen, LehrerInnen und Eltern für die digitale Wende zu sensibilisieren, die gerade an den Schulen stattfindet – mit ihren technischen, medialen und didaktischen Möglichkeiten. Martin Lindner war so nett und stand uns Rede und Antwort.

Herr Lindner, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit nehmen, uns einige Fragen zum Digilern-Blog zu beantworten. Vielleicht erzählen Sie unseren Lesern kurz, was der konkrete Anlass war, das Projekt ins Leben zu rufen und was es damit auf sich hat.

Ganz konkret die Digilern-Konferenz, die vom 8. – 10. März in Ottobrunn stattfand und 200 LehrerInnen und SchulleiterInnen (viele aus Bayern, aber auch aus dem ganzen Bundesgebiet und Österreich) versammelte, die sich in der Mehrzahl seit vielen Jahren aktiv mit „digitalem Lernen“ befassen. Daraus ergaben sich zwei Punkte, die zum konkreten Anlass wurden:

(1) Alle Versammelten hatten das undeutliche Gefühl, dass nun „die Zeit reif“ ist. Und das, obwohl die hier Versammelten zum Teil seit 10 Jahren viele Frustrationen schlucken mussten. Der Grund dürfte sein, dass (a) die entsprechenden Tools und Technologien ausgereift und seit Kurzem für den Mainstream selbstverständlich geworden sind (z.B. Tablets, Wifi, Smartphones), und dass (b) die erste Generation von PraktikerInnen aus der Schule sich nun den PionierInnen (ebenfalls meist LehrerInnen, die sich inzwischen als Edublogger, Edutwitterer usw. vernetzt haben) annähert. Die haben seit ca. 5 Jahren eine besondere Mischung von Web 2.0-Software, kollaborativen Praktiken und von Neuem aktuell gewordenen reformpädagogischen Ansätzen reflektiert und selbst ausprobiert. (Stark beeinflusst von der internationalen Web 2.0- und Learning 2.0-Community.) Diese Annäherung wurde auf der Digilern besonders auf dem Barcamp-Tag deutlich. („Barcamp“ ist eine klassische Form von partizipativen Web 2.0-„Unkonferenzen“.)

(2) Gleichzeitig zu dieser sich formierenden Graswurzel-Bewegung gibt es seit 2011, also de facto gleichzeitig, auch „Top-down“-Programme und -Pilotprojekte. Auf der Digilern waren BildungspolitikerInnen eingeladen, die ihre Perspektiven auf „digitales Lernen“ formulierten. Es zeigte sich, dass Kultusministerien, Lobbyisten und IT-Industrie vielfach an Konzepten von übergreifenden Schul-Netzwerken und Schul-Clouds arbeiten, bei denen technische und inhaltliche Aspekte eng ineinander greifen. Wir hatten den Eindruck, dass hier die Web 2.0- und Graswurzel-Perspektive der PraktikerInnen an den Schulen bisher überhaupt nicht berücksichtigt wurde – überwiegend eher aus Unkenntnis als aus Absicht. Das Digilern-Blog soll diese Perspektive auch für Außenstehende deutlich machen. Das Blog will hier eine Art „Knoten“ in beide Richtungen sein.

Im Rahmen unseres netzofanten-Projektes haben auch wir festgestellt, dass die technische Ausstattung an den Schulen ein echtes Problem darstellen kann. Worin sehen Sie da die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen?

Gegenwärtig stellt die technische Ausstattung fast immer ein schwerwiegendes Problem dar. Das ist auch verständlich, denn das was heute ideal erscheint, war ja noch vor 2 Jahren kaum vorstellbar: Eine Schule mit leistungsfähigem Breitband-Internet idealer Weise für alle Schüler und Lehrer, nach innen mit ebenso leistungsfähigem WiFi ausgestattet. Dazu eine schulübergreifende IT-Netzwerk-Plattform für „schulinterne“ Dienste und Lehr/Lern-Aktivitäten, die aber auch von außen, etwa von Zuhause, mit geschütztem Zugang benutzt werden kann. Eine solche Infrastruktur ist (a) nicht billig (aber insgesamt möglicher Weise nicht teurer als der Unterhalt der inzwischen völlig veralteten Strukturen und Geräteparks) und müsste (b) mit starker Unterstützung (Logistik, Expertise) durch ein übergreifendes Programm vorangetrieben werden. Das können die einzelnen Schulen nicht alle selbst immer neu erfinden.

Dazu kommt das Problem der Ausstattung der SchülerInnen mit Client-Geräten: Ideal wäre eine 1:1-Versorgung, nötig jedenfalls die Versorgung aller Schulen mit mehreren Klassensätzen moderner mobiler Internet-Geräte (z.B. Tablets oder auch moderne Notebooks). Dazu gehört auch das Thema der Einbeziehung schülereigener Geräte.

Es gibt inzwischen mehrere praktische Beispiele, wie so etwas erreicht werden könnte, ohne dass sozial benachteiligte Elternhäuser überfordert werden. Das müsste zentral dokumentiert und diskutiert werden.

Sie sprechen in Ihrem Blog von einer „Schul-Cloud“. Was genau können wir uns darunter vorstellen und wie ist der Stand der Dinge?

Da muss ich wieder auf die zwei Blogposts dazu verweisen: Viel knapper kann ich das nicht fundiert wiederholen. Ich zähle stichwortartig die wichtigsten Aspekte auf:

– Es gibt seit 2011 einige sehr unterschiedliche Initiativen und Pilotprojekte in Bundesländern, die von der IT-Seite her auf „Cloud“-Strukturen für alle Schulen und Bildungseinrichtungen abzielen (v.a. in Baden-Württemberg, beginnend auch in Bayern und Niedersachsen, teilweise in Rheinland-Pfalz).

– „Cloud“ heißt hier so viel wie: Ein zentraler Server-Park stellt gemäß Internet-Standards (also über die Browser) Software für alle Schulen zur Verfügung. Das wäre also eine Art „Extranet“ mit zentral zur Verfügung gestellten Programmen, die von den Schulen bzw. den einzelnen NutzerInnen dann nur noch genutzt, nicht aber unterhalten werden.

– Zugleich ist eben die Trennung von IT-Infrastruktur, Programmen, fachlichen Inhalten und didaktischen Formen nicht aufrechtzuerhalten. Wie beim großen Vorbild, dem World Wide Web selbst, das ja insgesamt eine Art Riesen-„Cloud“ darstellt. Es ist kein Zufall, dass sich im Web u.a. Wikis, Blogs, Twitter, Facebook, offene und von den NutzerInnen selbst erzeugte bzw. weiterbearbeitete Inhalte und viele Formen von kollaborativer Projekt-Selbstorganisation herausgebildet haben. Eine technische Schul-Cloud ohne solche „Web 2.0“-Elemente, mit zentral verwaltetem „Lehrstoff“ und digital abgebildeten „Klassenzimmern“ und von oben gesteuertem Lehr- und Prüfungsbetrieb ist eine Totgeburt. Das scheint aber den „Cloud“-Planern bisher kaum bewusst zu sein.

Herr Lindner, Ihnen danken wir sehr für das Interview und unseren Lesern legen wir ans Herz, einen etwas ausführlicheren Blick auf das Digilern-Blog zu investieren!

Autor: Daniel Plotzki

Von | 2017-04-07T10:47:40+00:00 April 10th, 2012|Allgemein, Blog, Grundschule, Medienpädagogik|0 Kommentare

Über den Autor:

Netzofant

Der netzofant war in der Vergangenheit unterwegs, um Kindern und Lehrkräften an Schulen einen Einblick in die Welt der digitalen Medien zu geben. Diese Eindrücke hat er in vielen Beiträgen gesammelt und für euch bereitgestellt.

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